Fleckvieh, Schäferwagen und die Politik – Arbeitskreise sind unterwegs in Hessen

Was ist los im ländlichen Hessen? Diese Frage bewegte die Mitglieder des Arbeitskreises Landwirtschaft und des Europaausschusses der SPD Hessen-Süd bei einer Exkursion in den Vogelsberg und in das Gießener Land. Besichtigt wurden erfolgreiche und innovative Projekte, die zeigten, welch ein kreatives Potential, verbunden mit guten Zukunftschancen in den Regionen steckt.

Fleckviehzucht auf höchstem züchterischem Niveau
Erste Station war der Zuchtbetrieb von Uwe und Mark Habermehl in Lauterbach-Allmenrod. Das Vater-Sohn-Unternehmen ist als Gesellschaft des bürgerlichen Rechts organisiert und bewirtschaftet in einer Höhenlage von 400 Metern über dem Meeresspiegel 160 Hektar Fläche. Davon ist die Hälfte Grünland. Mit einer Herde von 350 Tieren, davon 160 Milchkühen, wird in erster Linie Milch produziert, die über eine Molkerei in Schlüchtern vermarktet wird. Die Bewirtschaftung erfolgt auf zwei Betriebsstandorten. Die Althofreite dient der Aufzucht der Jungtiere und auf dem neuen Standort im Außenbereich werden in einem modernen, tiergerechten Liegeboxenstall die Milchkühe gehalten und die Kälber aufgezogen. Die dynamische Betriebsentwicklung der letzten Jahre ist in erster Linie ein Erfolg der beiden Betriebsleiter, die mit einem großen fachlichen Wissen vor der Besuchergruppe glänzten.

Der Stolz des Betriebes ist die Fleckviehherde mit einem Herdendurchschnitt von 10.000 Litern Milch pro Kuh und Jahr. Das gelingt nur gesunden Kühen, die sich wohl fühlen und optimal betreut werden, erklärten dazu auch Mark und Uwe Habermehl, die gezielt auf Fleckvieh als Zuchtrasse setzen, weil die Tiere nicht nur Milch, sondern auch Fleisch liefern. Mit diesem Zweinutzungsrind heben sie sich deutlich von anderen Milchviehaltern ab, die mit reinen Milchrassen arbeiten und deren männliche Tiere keinen hohen  Wert haben und für die Fleischerzeugung kaum nutzbar sind.

Neben der Milcherzeugung engagiert sich der Betrieb in der Fleckviehzucht auf höchstem züchterischem Niveau. Hierfür gab es bereits Staatsehrenpreise vom Hessischen Landwirtschaftsministerium und zahlreiche Prämierungen auf Leistungsschauen als Anerkennung für die vielen Erfolge. Verkauft werden nicht nur wertvolle Zuchttiere, sondern auch Embryonen von Milchkühen, die auf andere Tiere übertragen werden. Ein Verfahren welches seit rund vierzig Jahren praktiziert wird und eine wichtige Voraussetzung für die Erfolge in der Tierzucht war. Mit den Spermien männlicher Tiere werden die Eizellen der Kühe im Mutterleib oder im Reagenzglas künstlich befruchtet und es wachsen die beschriebenen Embryonen heran, die wegen der hohen Qualität bis nach Südamerika und Südafrika verkauft werden.

Wertvolle Erfahrungen an einem heißen Sommertag für die Exkursionsteilnehmer, die meist nur aus den öffentlichen Medien über die Situation in der Landwirtschaft informiert werden. Denn bäuerliche Unternehmen stehen in einem permanenten Existenzkampf und im Wettbewerb, egal ob dies die derzeitige Dürre ist, die Preisentwicklung am Milchmarkt oder Entscheidungen der Europäischen Union. Die Qualität der Betriebsleiter entscheidet über die Zukunft der Unternehmen und da ist auch Geld aus öffentlichen Kassen gut angelegt, denn damit werden die Betriebe stabilisiert und die herrliche Kulturlandschaft des Vogelsberges bleibt erhalten. Mit einem deftigen Bauernfrühstück und einem Dankeschön von Joachim Diesner, dem Sprecher des Arbeitskreises Landwirtschaft endete der eindrucksvolle Vormittag.

 

Mehr als Schäfchen zählen: Die Schäferwagen-Herberge Nonnenroth
Spannend wurde auch der Nachmittag, denn auf dem Programm stand ein bundesweit einmaliges Projekt in der Nähe der hessischen Schäferstadt Hungen. In dem knapp 700 Einwohner großen Stadtteil Nonnenroth hat eine kreative Arbeitsgruppe mit dem Ortsvorsteher Werner Leipold und Pfarrer Hartmut Lemp, gemeinsam mit Ortsbeirat und Kirchenvorstand ein innovatives  Projekt auf die Beine gestellt, welches weit über die Grenzen des kleinen Ortes hinaus für Aufmerksamkeit sorgt. Direkt am Lutherweg 1521, ein Pilger- und Wanderweg zwischen Worms und der Wartburg, wurden sechs Schäferwagen als Übernachtungsmöglichkeit für Durchreisende, Pilger und Wanderer geschaffen. Das ehrgeizige Projekt entstand in Zusammenarbeit mit dem Regionalbüro der Entwicklungsgruppe GießenerLand e.V und wurde aus dem europäischen Programm LEADER gefördert. Ein europäisches Förderprogramm zur Stärkung des ländlichen Raums, bei dem die Menschen vor Ort ihre Ideen einbringen und auch umsetzen. Umgesetzt und abgewickelt wurde alles über die Stadt Hungen, doch bei den Arbeiten haben wir alle kräftig mit angepackt und viel Eigenleistung erbracht, berichteten Ortsvorsteher und Pfarrer stolz. Betrieben wird die gesamte Anlage von der örtlichen Kirchengemeinde, die sich damit in lobenswerter Weise weit über den normalen Rahmen hinaus für die örtliche Entwicklung engagiert.

Neue Wagen mit einem hohen Komfort

Schäferwagen haben in Hungen Tradition, denn die Stadt ist der Schäferei historisch eng verbunden und beschäftigt heute als einzige hessische Kommune einen hauptamtlichen Schäfer. Heute gibt es noch knapp 4000 Schafe in der Stadt und zwei Vollerwerbsbetriebe sichern ihre Existenz durch die Schafhaltung. Der klassische Wanderschäfer früherer Zeit war Tag und Nacht bei seiner Herde und als Schutz vor Wind und Wetter und zum Übernachten war der Schäferwagen ein ständiger Begleiter. Diese schöne Tradition wird jetzt mit dem Nonnenrother Projekt aufgegriffen. Allerdings handelt es sich um neue Wagen, die einen hohen Komfort inmitten einer Streuobstwiese bieten. Dazu kommt eine erweiterte Grillhütte und ein Gebäude mit zeitgemäßer Sanitäreinrichtung und einer modernen Selbstkocherküche.

Von Martin Luther bis zur ländlichen Entwicklung

Dörfliche und regionale Entwicklung lebt von dem Engagement und der Eigeninitiative vor Ort. Diese Erfahrung machten die SPDler bei diesem Projekt. Natürlich sind staatliche Förderprogramme wichtig, doch den Erfolg garantieren die Initiatoren und Betreiber vor Ort. Es wurden zwei Arbeitsplätze geschaffen und für den Tourismus ist eine wichtige Infrastruktureinrichtung entstanden. Auch gut für das Dorf, denn hier gibt es noch ein Landhotel und auch ein Lebensmittelgeschäft, die sich über Gäste und Kunden freuen. Regionalentwicklung löst immer interessante Diskussionen aus, wie eine offene Gesprächsrunde zum Abschluss des Besuchs zeigte, mit Themen von Martin Luther bis zur Entwicklung des ländlichen Raumes in Hessen. Für die Besucher der SPD lieferte der Tag einen dicken Rucksack voll neuer Gedanken und Eindrücke, die hoffentlich alle sehr segensreich in die künftige politische Arbeit einfließen.

 

Text und Fotos: Hartmut Bock